Artikel von Ursula Lindauer, erschienen Dezember 2001 in "Gestalt-Art", einer Fachzeitschrift für Gestalt-Therapeuten, herausgegeben vom IGG Berlin.

 

"www.screentherapy.de" - Gestalt meets Internet


Drei Thesen

  • Therapie über das Internet ist möglich.
  • Diese Therapie muß speziell entwickelt werden.
  • Gestalt eignet sich hervorragend, um das Phänomen Internet zu erforschen und in einem schöpferischen Prozeß kreativer Anpassung eine derartige Therapie zu entwickeln.

Das Internet ist längst zum Massenphänomen geworden. 420 Mio Menschen weltweit (Quelle: NUA Survey), 25 Millionen in Deutschland (Quelle: NielsenNetRatings) nutzen das Web. Es hat neue Kommunikations- und Interaktions-Gewohnheiten, ja eine eigene Kultur hervorgebracht und beeinflußt unseren Alltag täglich mehr.

Web-User kommunizieren weltweit und rund um die Uhr. Sie schlüpfen in frei gewählte Identitäten - oder sind einfach sie selbst. Ohne die Begrenzungen von Zeit, Raum oder Status knüpfen sie Netzwerke entlang gemeinsamer Interessen. Sie organisieren sich zu Communities, schaffen sich ihre eigenen sozialen Regeln (z.B. "Netiquette") und eine eigene Sprache (z.B. "Emoticons" wie ;-)). Sie erweitern ihre Welt um die virtuelle Dimension. Manche verlieren sich darin, werden online-süchtig oder erleben im Cyberspace eine Steigerung ihres neurotischen Leidens. Andere wiederum finden im Web eine Nische für Ihr persönliches Wachstum.

Etwa 1998 - in den Zeiten düsterer Zukunftsprognosen für GestalttherapeutInnen - entdeckte ich das Internet mit seinen vielen neuartigen Möglichkeiten der Kontaktnahme (und der Kontaktstörung) als zusätzliches Kommunikationsfeld mit wachsender Alltagsrelevanz. Sofort hat mich die Unmittelbarkeit des Kontakts und das breite Spektrum der Kontaktmöglichkeiten fasziniert. Seitdem habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, ob und wie dieses Feld therapeutisch genutzt werden kann. "... Denn unsere gegenwärtige Situation muß, in welche Lebenssphäre man auch immer blickt, als ein Feld schöpferischer Möglichkeiten betrachtet werden, oder sie ist schlichtweg unerträglich." (Perls, Hefferline, Goodman 1951).

Die Gestalttherapie mit ihrer "grundlegenden Haltung des Aufgeschlossenseins für die gegenwärtige Realität" zusammen mit "ihrer dreifachen Grundlage Präsenz, Gewahrsein und Verantwortung" (Naranjo 1993) bietet mir dafür einen soliden und konstruktiven Rahmen, Halt und Richtschnur, sowohl in der Erforschung der Phänomene wie auch in der experimentellen Entwicklung neuer Methoden.

Nach intensiven Recherchen und etlichen Kontakten zu Web-Usern startete ich im September 2000 mein Projekt "Screentherapy", um im Internet gestalttherapeutische Grundlagenforschung mit klar umrissenen Zielen zu betreiben:

  • Erforschung des "Feldes" Internet
  • Entwicklung von Methoden und Strategien zur optimalen Nutzung des Internet als Kommunikations-Kanal zwischen KlientInnen und TherapeutInnen
  • Entwicklung von therapeutisch einsetzbaren Methoden und Instrumenten multimedialer Interaktion (MIMMIs)
  • Zusammenfassung von Internet und Multimedia in einen ganzheitlichen Therapie-Ansatz auf gestalttherapeutischer Basis
  • Entwicklung einer modellhaften "Virtuellen Praxis" ("Spielregeln", "Einrichtung" der virtuellen Räume, Image/Identität, Seriosität, Darstellung der Angebote, Akquisition von KlientInnen, technischer Betrieb, Hardware, Software, Server, Anbindung, Sicherheitstechnik)

Nach über einem Jahr blicke ich auf Erfahrungen mit ca. 200 KlientInnen aus 5 Kontinenten zurück und freue mich, Ihnen erste Ergebnisse mitteilen zu können.

 

 

Das Internet als Praxisfeld

Kontakt und Begegnung im Internet sind eigenen Spielregeln unterworfen. Der Konzeption von "Screentherapy" und dem Start des Projekts unter www.screentherapy.de ging daher eine lange Phase intensiver Recherchen voraus, die sich auf folgende Aspekte konzentriert hat:

 

Kommunikationskultur im Netz

Wie sieht die private Kommunikationskultur im Netz aus?

E-Mails sind das verbreitetste aber auch "konservativste" Kontaktmedium im Netz. Die Netiquette fordert dabei, die relativ ungezwungenen, wenig förmlichen Mails möglichst bald zu beantworten. Ein unmittelbarer Dialog findet dabei nicht statt.

Noch indirekter ist der Dialog über Foren oder Newsgroups, in denen jeder seine Fragen und Antworten an ein thematisch eng umrissenes "Schwarzes Brett" heftet ("Posting"). Meist diskutieren Experten miteinander oder helfen "Neulingen" ("Newbies").

Wesentlich interessanter sind Chats: mit einem Spitznamen versehen, treffen sich Fremde oder Bekannte in einem virtuelle Raum, sprechen in der Gruppe miteinander oder ziehen sich zu vertraulichen Dialogen zurück. Viele Chatter lieben es, abwechselnd in verschiedene Identitäten zu schlüpfen. Neue Leute kennenlernen, sich selbst darstellen, flirten, einfach nur quatschen - die prinzipielle Freude an der direkten Kommunikation und am Beziehungsaufbau sind die Hauptmotive beim Chat, denn die Inhalte geben meist wenig her.

Normalerweise wird in Schriftform gechattet. Zunehmend werden aber auch Kameras und Telefontechnik (Headsets) verwendet, so daß sich die Gesprächsparter "in Echtzeit" hören und sehen können (Videokonferenz).

Eine weitere Besonderheit sind die sogenannten "Messenger-Systeme". Über meist kostenlose Software (z.B. ICQ) erstellt man eine sogenannte "Buddy(Kumpel)-Liste", aus der ersichtlich ist, wer von den Buddies gerade online zu erreichen ist. Über private Chaträume, kurze Mitteilungen u.ä. ist so eine unkomplizierte Online-Kommunikation zwischen "Freunden" möglich.

Viele Web-Nutzer organisieren sich in Communities im Sinn von Vereinen und Gemeinden. Dort leben sie eine Art zusätzliches Leben (meist in der realen Rolle). Es gibt virtuelle Welten, in denen jeder Teilnehmer an einem Rollenspiel teilnimmt und über Jahre ein Parallel-Leben führt und sich mit anderen Mitspielern zu Gruppen ("Clans" mit virtuellen Berufen, Rollen, "Ämtern") zusammen schließt.

Im Internet konnte ich einige Besonderheiten im Kommunikations- und Sozialverhalten und deren vielfältige Folgen beobachten:

  • Unverbindichkeit und Sprunghaftigkeit im Vorkontakt - sobald man gelangweilt oder genervt ist, verschwindet man einfach.
  • Spielerische Freude und Neugier in der Kommunikation mit Fremden - geschützt durch die eigene Anonymität.
  • Skepsis dem neuen Gesprächspartner gegenüber - denn jeder kann im Schutz der Anonymität jede Persönlichkeit vorgaukeln.
  • Ablehnung kommerzieller Angebote. Die "Verschenkkultur" des Internet gilt als Maßstab. Groß ist die Angst vor "Abzockerei" und Schwindel. Kostenpflichtige Angebote gibt es praktisch nur im Bereich Erotik.

Erkenntnis: "Screentherapy" muß passende Kommunikationsmodelle für den ersten Kontakt und die therapeutische Arbeit entwickeln, um über das Internet glaubwürdig und attraktiv genug für den Web-User zu sein. NutzerInnen müssen da abgeholt werden, wo sie gerade sind.

 

Technologie der Online-Kommunikation

Wenn man per E-Mail kommunizieren oder an einem Chat teilnehmen will, reicht ein normaler Computer mit jedem beliebigen Internet-Anschluß.

Technisch anspruchsvoller wird es, sobald das gesprochene Wort oder ein Videobild übertragen werden sollen. Für Videokonferenzen muß eine geeignete Kamera, ein Headset (mit Mikrofon und Kopfhörer, Kosten 50 bis 100 €) eingesetzt, sowie ein schneller Computer und möglichst breitbandiger Internet-Zugang vorhanden sein. Etwa 5% der deutschen Web-Nutzer verfügen derzeit über diese Ausrüstung. Die für Videokonferenzen notwendige Software ("Netmeeting" von Microsoft, kostenlos, im Funktionsumfang von "Internet-Explorer") findet sich auf fast allen PCs.

Die Vielzahl der parallelen Kommunikationsmöglichkeiten, die über Videokonferenz-Software angeboten wird, hat mich sofort begeistert, weil hier eine Dialogform möglich ist:

  • "Telefonieren" über Headset in Echtzeit
  • sich gegenseitig per Video sehen
  • schriftlich Chatten in Echtzeit
  • gemeinsamer Nutzung einer "Tafel" (= Whiteboard"), die beide Dialogpartner bemalen, beschreiben oder mit Bildern "bekleben" können
  • Austausch von Bilder oder Dokumenten von Computer zu Computer.

Erkenntnis: Gestalttherapie im Internet sollte mit einem Maximum an Interaktion und Unmittelbarkeit arbeiten. Dazu müssen alle technologischen Potentiale voll ausgeschöpft werden. Ich habe folglich auf Videokonferenzen gesetzt, da hier die größtmögliche Kontaktfläche genutzt werden kann (sehen und hören). Der Unterschied zwischen E-Mail und Videokonferenz ist etwa so groß wie zwischen Morse-Funk und Telefon.

 

 

Multimedia im Internet

Neben der Begegnung im verbalen Dialog lassen sich in der "Offline-Praxis" eine Vielzahl an kreativen Medien einsetzen, um den therapeutischen Prozeß zu unterstützen. Welche Möglichkeiten bietet die virtuelle Welt?

Das Web bietet Texte, Bilder, Musik ("MP3") und zunehmend Video ("RealVideo") als statische Medien. Web-NutzerInnen können diese zwar auswählen und "abrufen", aber eine echte Interaktion ist das nicht.

Zunehmend treffen wir aber auf Medien mit echten, komplexen Interaktionsmöglichkeiten, bei denen User Inhalte selbst erzeugen oder manipulieren können, also z.B. mit Mal-Software herumspielen oder komplexe Spiele spielen können. Bis vor kurzem waren solche interaktiven Multimedia-Angebote nur offline über CD-ROMs möglich. Die Einführung eines neuen Multimedia-Standards im Internet ("Flash" von Macromedia) eröffnet - ohne zusätzliche Kosten - jedem Nutzer die Welt der echten Interaktion. Etwa 40% aller Internet-Browser können bereits Flash-Objekte darstellen.

Erkenntnis: Technologien wie Flash eröffnen "Screentherapy" eine Perspektive, neue Methoden und Instrumente multimedialer Interaktion (MIMMIs) für den therapeutischen Einsatz zu entwerfen und als Software realisieren zu lassen. Der Einsatz von MIMMIs bietet neben dem Gespräch weitere Ausdrucksformen und Zugangswege.

 

Rechtliche Situation

Weder in der Literatur noch bei den zuständigen Stellen gab (und gibt) es Klarheit über die rechtliche Situation. Aus verschiedenen Gründen ist es heikel, therapeutische Angebote im Web offen als solche zu bezeichnen (z.B. Werbeverbot), überhaupt über das Netz zu therapieren oder die eigene Arbeit gar als "Psychotherapieangebot" online zu bringen.

Erkenntnis: Um rechtliche Probleme zu vermeiden, habe ich mich entschlossen, mein Angebot als Studie anzulegen und eindeutig so zu kommunizieren. Auf der Homepage meiner Website weise ich ausführlich darauf hin, daß hier keine "Psychologische Psychotherapie" betrieben wird.

 

Therapeutische Angebote

In Deutschland fand ich kein ernst zu nehmenden Angebot für Therapie via Internet, und selbst in den USA beschränkte sich das Angebot auf Beratung per E-Mail.

Die Web-Sites der Beratungsangebote waren überwiegend laienhaft gestaltet und schienen oft seit langem nicht mehr aktualisiert worden zu sein. Eine Transparenz des Angebots war meist nicht gegeben. Durch Honorarforderungen im Voraus lag die Einstiegsbarriere für Klienten unrealistisch hoch. Ein Dialog in Echtzeit, also z.B. per Chat, war nicht möglich. Man beschränkte sich auf den Austausch von E-Mails.

Der Einsatz von Videokonferenz und Multimedia wurde nirgends angeboten.

Nach verschiedenen persönlichen Kontakten zu im Netz vertretenen KollegInnen verdichtete sich mein Bild: Kostenlose "Ratgeber" per E-Mail werden gelegentlich genutzt (in der Art "Fragen Sie Dr. Sommer"). Sobald Angebote etwas kosten, werden sie nicht angenommen.

Erkenntnis: Eine modellhafte "Virtuelle Praxis" muß in Form und Inhalt als seriöser, professioneller "Dienstleister" im Netz auftreten. Die Site muß erkennbar aktuell sein und schnell auf Anfragen reagieren. Sie muß über ein transparentes Angebot verfügen, Zusatzinformationen zu Qualifikation, Zielen und Hintergrund anbieten. Im Internet kann man nur glaubwürdig sein, wenn man über eine Marke (Branding) von wachsender Bekanntheit und Reputation verfügt. Der Web-User muß den Anbieter erkennen und ihm bestimmte Eigenschaften zuordnen. Datenschutzrechtliche Bestimmungen müssen erfüllt werden (wobei die tatsächlichen User darauf meiner Erfahrung nach keinen Wert legen)

Ich denke, daß jede/r AnbieterIn zumindest Vorleistungen (z.B. "Probe-Sitzung kostenlos", "Offene Sprechstunde" zu festen Zeiten) erbringen muß, wenn er/sie die Web-User überzeugen will.

Ich haben mich entschlossen, auf Bezahlung zu verzichten, weil ich in erster Linie erst einmal Daten bzw. Erfahrungen sammeln und Methoden entwickeln und ausprobieren möchte - und dazu bin ich auf Besucher angewiesen.

 

Die Methode

"Screentherapy" wird also als kostenlose Studie angelegt. Ihr Inhalt: phänomenologisches Erforschen und reflektiertes Erleben der Webkultur, der Kontaktmöglichkeiten im Internet und das Erforschen und Entwickeln therapierelevanter Methoden (MIMMIs).

Ich betrat absolutes Neuland, und es erschien mir unsinnig, der Studie ein rigides Untersuchungsdesign aufzuerlegen: Ich wollte flexibel auf die Situationen und Erfahrungen eingehen, mit möglichst vielen Menschen in Kontakt kommen, niedrigschwellig arbeiten, Probleme zulassen und praktikable Lösungen finden. Ich beschloß, mich von den Erfahrungen leiten zu lassen und meine Erfahrungen fortlaufend zu dokumentieren.

Alle Begegnungen sind life und persönlich, ich verwende keinerlei automatisierte Programme oder vorgefertigte Antworten.

Grundsätzlich orientiere ich mich am maximal einsetzbaren technischen Standard, das heißt, ich versuche, das technische Potential (in den mir gegebenen Möglichkeiten) so weit wie möglich im Hinblick auf "Zugangskanäle" und Ausdrucksmöglichkeiten auszuschöpfen.

 

Die Praxisausstattung

Um mit Multimedia-Werkzeugen und Videokonferenz arbeiten zu können, habe ich meinen Computer entsprechend aufgerüstet, Kamera und Headset installiert, sowie eine Vielzahl von speziellen Programmen eingerichtet, um mit Web-Usern aus aller Welt optimal kommunizieren zu können.

Das Thema "Branding" habe ich sehr ernst genommen: ein unverwechselbarer Name mußte gefunden und als Marke geschützt werden. Ein Logo wurde gestaltet. Der Domainname "Screentherapy" wurde in Deutschland und weltweit angemeldet, auch in anderen Schreibweisen.

In enger Zusammenarbeit mit mehreren Multimedia- und Internet-Experten wurde die Website konzipiert: die Struktur der Seiten, die Anmutung, die Inhalte, die Navigation - alles mußte stimmen. Dann erfolgte die Programmierung der einzelnen Seiten auf höchstem professionellen Niveau. Die Site kommt bei den Web-Usern hervorragend an und ist inzwischen in jeder Suchmaschine zu finden.

 

Erste Phase - die Interviews über Videokonferenz

Am Anfang von "Screentherapy" wollte ich über einen Interviewleitfaden mit Videokonferenz-Usern in ausführlichere Gespräche einsteigen. Ich machte mein Kontaktangebot auf dem am meisten genutzten deutschen Videokonferenz-Server, vergleichbar mit Chat-Servern: Nach Einwahl auf diesem Server werde ich als "online" im Verzeichnis mit der Eintragung "Interview-Studie 'Screentherapy'" geführt. Jeder, der ebenfalls über den Server angemeldet ist, kann mich nun "anrufen".

Es meldeten sich immer etliche Neugierige, und viele ließen sich auf meine Fragen und das folgende Gespräch (15 - 60 Minuten) ein.

Bsp.: Mein netmeeting-Anschluß klingelt, "Axel T, nett" klopft an. Ich drücke den Annahme-Button und sehe in meinem Videobild Teile einer Tastatur, eine grüne Schreibtischlampe, eine halbvolle Zigarettenschachtel und verschwommen die gemusterte Tapete an der Wand. Ein Räuspern im Kopfhörer, ein neues Fenster im Bildschirm öffnet sich und "Axel T, nett", schreibt: Hallo, was machst Du für eine Studie?

Nach den ersten Erklärungen und Hinweisen auf meine Homepage, die sich in der Regel niemand vorher anschaut, obwohl ich sie immer angebe, kommen wir zur ersten Hürde: Ich bestehe darauf, sein Gesicht zu sehen.

Manche legen hier wieder auf. In seinem Fall schwenkt die Kamera langsam vom behaarten Unterarm weg auf ein bebrilltes Männergesicht mittleren Alters, der grüßend in die Kamera nickt. Er steckt sich eine Zigarette an, lehnt sich im Bürostuhl zurück und sagt: "Na, dann legen Sie mal los..."

Durch diese Interviews erhielt ich wichtige Erkenntnisse über Nutzungskultur/Kommunikationskultur im Internet, speziell lernte ich viel über die Besonderheiten der Video-Chats: So sind in der Regel die User unter anonymen "nicknames" unterwegs, und nicht jeder, der eine Kamera hat, benutzt sie auch. Viele User klagen in diesem Zusammenhang über "fakes", also z.B. Männer, die sich als Frauen ausgeben; daher legen viele sofort wieder auf, wenn sie kein Bild empfangen (was aber manchmal auch aus technischen Gründen vorkommt).

Besonders interessant war die Erfahrung, daß fast alle Gesprächspartner im Video-Chat mir gegenüber zuerst sehr skeptisch und extrem vorsichtig waren ("Da muß ein Trick dahinter stecken."). Auch traf ich auf viele Ressentiments gegen Psychotherapie ("Ich habe keine Macke..."). Ließen sie sich dann doch auf das Gespräch ein, sprachen viele sehr offen über intimste Angelegenheiten und zum Teil über sie sehr belastende Probleme. Sehr häufig tauchten die Themen Einsamkeit, Scham, heftige Minderwertigkeits- und Versagensgefühle oder Beziehungsprobleme auf.

Insbesondere in dieser Phase hatte ich überwiegend männliche Gesprächspartner, die auf der Suche nach sexuellen Erlebnissen im Internet waren. Es sei hier nicht verschwiegen, daß es bisher in Deutschland keinen einzigen Videokonferenz-Server gibt, der sich ausschließlich als ein Forum für "clean Chat" versteht, die "virtuelle Praxis" befindet sich also sozusagen "mitten im Rotlichtmilieu".

Auf diesen Kontext reagiere ich sehr bewußt mit klaren Grenzen: Ich sieze z.B. alle meine Gesprächspartner, um den (psychologisch) professionellen Charakter unserer Begegnung auf diese Weise ständig präsent zu halten (Im privat genutzten Internet ist es absolut ungewöhnlich, jemanden zu siezen!) Die Bereitschaft, auf mein Siezen einzugehen, erwies sich als guter Indikator dafür, wie ernsthaft jemand an einem Gespräch mit mir interessiert war.

Ich informiere alle Interessierten über Sinn und Zweck des Interviews und weise auf meine Web-Site hin. Meine Interviewpartner können mir gegenüber anonym auftreten, aber ich bestehe darauf, ihr Gesicht zu sehen - was "Fakes" sofort zum Auflegen bringt.

Aus derartigen Interviews entwickelten sich oft Gespräche mit therapeutischem Charakter, die von den Männern häufig als "ungewohnt angenehm" empfunden wurden. Manche Interviewpartner baten um die Fortsetzung des Dialogs. So entstanden die ersten Sitzungsserien.

 

Zweite Phase - therapeutisches Angebot zum Thema "Stress"

Als nächstes unterbreitete ich ein niedrigschwelliges Therapieangebot zur "Stress-Bewältigung". Der Begriff "Stress" - so hatte ich in den Interviews erfahren - wurde von meinen Gesprächspartnern als Synonym für alle möglichen psychischen Probleme akzeptiert. In bis zu fünf kostenlosen Online-Sitzungen zu je einer Stunde biete ich an, mein Gegenüber bei der Bewältigung von Streß im Job, in der Beziehung, in der Familie oder "ganz allgemein" zu unterstützen, wie ihn jeder "gesunde" Mensch erlebt.

Dieses Angebot wird mehr und mehr nachgefragt, das Spektrum der genannten Themen reichte dabei bisher von akuter Suizidalität und Psychoseerkrankung bis zu Liebeskummer und Problemen mit der besonderen Lebensituation, die Deutsche im Ausland erleben.

Bei entsprechender Indikation bemühe ich mich darum, mein Gegenüber entsprechend zu verweisen bzw. ihn oder sie zu unterstützen, einen geeigneten Ort für eine längerfristige Behandlung zu finden.

In diesem Rahmen ist es mir nun möglich, explizit therapeutisch zu arbeiten und zu experimentieren.

 

Therapeutisches Angebot für Deutsche im Ausland

Mit der Zeit meldeten sich vermehrt Deutsche bei mir, die im Ausland leben und dringend nach einer Möglichkeit suchten, in ihrer Muttersprache über ihre Probleme zu sprechen. Daraus entwickelte sich schon bald eine spezielles Angebot innerhalb von "Screentherapy", das zunehmend unter Auslandsdeutschen weiter empfohlen und nachgefragt wird. Bisher habe ich Klienten aus fünf Kontinenten betreut.

Aufgrund der mitunter mangelhaften technischen Ausstattung - gerade in der Dritten Welt - arbeite ich gelegentlich ohne Bild ausschließlich über Chat. Minimalstandard ist jedoch immer ein in Echtzeit stattfindender Dialog. Auch betreue ich Auslandsklienten bei Bedarf über mehr als die üblichen fünf Sitzungen hinaus.


Entwicklung der interaktiven Multimedia Methoden (MIMMIs)

Parallel zum "laufenden Betrieb" beschäftige ich mich mit der Konzeption und Realisierung von Methoden und Instrumenten zur Multimedialen Interaktion.

Mein Ziel ist es, Methoden und Instrumente zu entwickeln, die leicht zu handhaben sind und kreativ gestaltet werden können. Sie sollen durch Vorgaben zum Handeln inspirieren, aber idealerweise auch zum Experimentieren anregen. MIMMIs sollen sich verändern, umbauen oder auch zerstören lassen, um dem eigenen Selbstausdruck einen möglichst weiten Raum zu geben.

Entscheidend dabei ist, daß ich auch sehen und hören kann, wie mein Gegenüber mit diesen Mitteln umgeht, somit wird mir zumindest zum Teil "die Analyse der inneren Struktur aktueller Erfahrung und ihres wie auch immer beschaffenen Kontakts" zugänglich, und darin besteht nach Perls "Therapie" (Perls, Hefferline, Goodman 1951)

Bisher habe ich drei konkrete methodische Konzepte formuliert und sie von Multimedia-Designern und Programmierern realisieren lassen. Alle drei "Werkzeuge" setze ich in meinen Online-Sitzungen ein:

  • "Dialog-Landscapes"
    sind großflächige Kollagen zu verschiedenen Schwerpunkt-Themen. Sie sind so groß, daß sie nicht auf einmal angeschaut werden können. Man kann herumwandern, sich anregen lassen, sich heraussuchen, was einem auffällt, dabei bleiben, damit weiterarbeiten.

Bsp.: Ein Mann mit Angsattacken auf Autobahnbrücken sieht eine "Leiter", die anscheinend ins Leere fühlt. Sie erinnert ihn an seine Angst, dieses Alleinsein, diese Leere, das Nichts. Er "schneidet" den Ausschnitt aus dem Bild heraus, überträgt ihn auf eine "Tafel" ("Whiteboard") und überlegt, was diese Leere füllen könnte...

  • "Resonance-Movies"
    sind Animationen, die der User betrachten und interaktiv beeinflussen kann. Vor seinem Auge erscheinen Schlüsselwörter und Symbole, die sich als mehrere, voneinander unabhängig durchlaufenden Filmschleifen langsam verändern und in ihrer Kombination immer neue Resonanzen anregen. Er kann die Position der "Wörter-Filme" mit der Maus ändern, einzelne Filme anhalten und wieder starten. Je nach Verlauf einer Sitzung habe ich die Möglichkeit, für die nächste Sitzung neue Resonance-Movies mit neuen, individuell passenden Schlüsselworten, vorzubereiten.

Bsp.: Ein Student meint, es gehe ihm prima, alles im grünen Bereich, er schaue nur aus Neugier mal vorbei. Er betrachtet den Film und meint, für Leute seines Alters sei nichts dabei, das sei eher was für Ältere, es sei ihm aber aufgefallen, daß es um Hoffnungen gehe, da habe man natürlich auch welche. Im Verlauf unseres sich daraus entspinnenden Dialogs wird ihm deutlich, wie sehr er sich nach einer Beziehung sehnt und nach einer klaren beruflichen Perspektive...

  • "Mind Boarding"

ist eine spezielle Art, in Netmeeting das Whiteboard einzusetzen. Der Klient bekommt ein "Panel" mit einigen Symbolen, abstrakten Strichen und Begriffen vorgelegt. Diese einzelnen Elemente ergeben keinen eindeutigen "Sinn". Sie sind vielmehr wie Kristallisationspunkte, um die herum sich der Dialog als Gespräch und als Skizze aus Zeichnung und Kommentartext entwickelt. Wir sprechen über die Elemente auf dem Whiteboard, verändern oder verschieben sie, können interaktiv übermalen, kommentieren, ergänzen -und auch einiges wieder löschen - ein Bildschirm ist noch geduldiger als Papier...

Der Prozess des "Mind Boarding" kann sich über mehrere Sitzungen erstrecken.

 

Der laufende Betrieb

Glaubwürdigkeit im Internet muß man sich erarbeiten. Das heißt vor allem: Regelmäßig Präsenz zeigen und absolut zuverlässig sein.

Einmal pro Woche biete ich eine "Offene Sprechstunde" an. Jede Woche wird die Web-Site von "Screentherapy" aktualisiert und sogar ein Tagebuch dieser Aktualisierungen veröffentlicht. So beweise ich Kontinuität und Zuverlässigkeit.

Eine dynamisch generierte Grafik auf der Homepage zeigt an, daß ich online bin. Man kann dann unmittelbar mit mir in Kontakt treten: mich über Netmeeting anrufen, mich über die weltweite Community "ICQ" ansprechen oder mir ein Email schicken, das innerhalb von Minuten beantwortet wird.

Jeder kann sehen: "Screentherapy" "lebt" und wird von einer realen Person professionell durchgeführt.

Ganz wichtig ist die Reaktionsgeschwindigkeit: E-Mails beantworte ich fast immer am gleichen Tag. Online-Termine verabrede ich am Ende der Sitzung, bestätige per E-Mail und halte sie dann pünktlich ein.

 

Ausblick

Internet und Multimedia bieten grandiose Möglichkeiten und große Herausforderungen für GestalttherapeutInnen. Die Arbeit in diesem neuen Feld ist sehr spannend - allerdings auch sehr aufwendig, in technischer, zeitlicher und finanzieller Hinsicht.

Nach fast zwei Jahren intensiver Beschäftigung und einem Jahr Praxis mit über 200 KlientInnen werden Strukturen und konkrete therapeutische Möglichkeiten deutlich. In den Online-Begegnungen erlebe ich, daß etwas passiert, daß ein Funke überspringt, daß Kontakt entsteht und daß - da bin ich inzwischen sicher - erfolgreiche Therapie möglich ist.

Ich freue mich auf eine anregende Diskussion!

Besuchen Sie mich im Internet unter www.screentherapy.de , schreiben Sie mir unter lindauer@screentherapy.de oder über das IGG.

 

Ursula Lindauer ist Gestalttherapeutin und arbeitet als Psychologin in einer therapeutischen Jugendwohngemeinschaft in Kreuzberg.

Meine Studie "Screentherapy" wäre ohne die tatkräftige Unterstützung von Achim Schwarze (Multimedia) nicht möglich. Danke!

Dank auch an meine Supervisionsgruppe, insbesondere Dorothee Pfeifer, für die konstruktiven Auseinandersetzungen und danke an alle, die sich mir immer wieder als Diskussionspartner zur Verfügung stellen!