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Drei Thesen
- Therapie über das
Internet ist möglich.
- Diese Therapie muß
speziell entwickelt werden.
- Gestalt eignet sich hervorragend,
um das Phänomen Internet zu erforschen und in einem schöpferischen
Prozeß kreativer Anpassung eine derartige Therapie zu entwickeln.
Das Internet
ist längst zum Massenphänomen geworden. 420 Mio Menschen weltweit
(Quelle: NUA Survey), 25 Millionen in Deutschland (Quelle: NielsenNetRatings)
nutzen das Web. Es hat neue Kommunikations- und Interaktions-Gewohnheiten,
ja eine eigene Kultur hervorgebracht und beeinflußt unseren Alltag
täglich mehr.
Web-User
kommunizieren weltweit und rund um die Uhr. Sie schlüpfen in frei
gewählte Identitäten - oder sind einfach sie selbst. Ohne
die Begrenzungen von Zeit, Raum oder Status knüpfen sie Netzwerke
entlang gemeinsamer Interessen. Sie organisieren sich zu Communities,
schaffen sich ihre eigenen sozialen Regeln (z.B. "Netiquette") und eine
eigene Sprache (z.B. "Emoticons" wie ;-)). Sie erweitern ihre Welt um
die virtuelle Dimension. Manche verlieren sich darin, werden online-süchtig
oder erleben im Cyberspace eine Steigerung ihres neurotischen Leidens.
Andere wiederum finden im Web eine Nische für Ihr persönliches
Wachstum.
Etwa 1998
- in den Zeiten düsterer Zukunftsprognosen für GestalttherapeutInnen
- entdeckte ich das Internet mit seinen vielen neuartigen Möglichkeiten
der Kontaktnahme (und der Kontaktstörung) als zusätzliches
Kommunikationsfeld mit wachsender Alltagsrelevanz. Sofort hat mich die
Unmittelbarkeit des Kontakts und das breite Spektrum der Kontaktmöglichkeiten
fasziniert. Seitdem habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt,
ob und wie dieses Feld therapeutisch genutzt werden kann. "... Denn
unsere gegenwärtige Situation muß, in welche Lebenssphäre
man auch immer blickt, als ein Feld schöpferischer Möglichkeiten
betrachtet werden, oder sie ist schlichtweg unerträglich." (Perls,
Hefferline, Goodman 1951).
Die Gestalttherapie
mit ihrer "grundlegenden Haltung des Aufgeschlossenseins für
die gegenwärtige Realität" zusammen mit "ihrer dreifachen
Grundlage Präsenz, Gewahrsein und Verantwortung" (Naranjo 1993)
bietet mir dafür einen soliden und konstruktiven Rahmen, Halt und
Richtschnur, sowohl in der Erforschung der Phänomene wie auch in
der experimentellen Entwicklung neuer Methoden.
Nach intensiven
Recherchen und etlichen Kontakten zu Web-Usern startete ich im September
2000 mein Projekt "Screentherapy", um im Internet gestalttherapeutische
Grundlagenforschung mit klar umrissenen Zielen zu betreiben:
- Erforschung des "Feldes"
Internet
- Entwicklung von Methoden
und Strategien zur optimalen Nutzung des Internet als Kommunikations-Kanal
zwischen KlientInnen und TherapeutInnen
- Entwicklung von therapeutisch
einsetzbaren Methoden und Instrumenten multimedialer Interaktion (MIMMIs)
- Zusammenfassung von Internet
und Multimedia in einen ganzheitlichen Therapie-Ansatz auf gestalttherapeutischer
Basis
- Entwicklung einer modellhaften
"Virtuellen Praxis" ("Spielregeln", "Einrichtung" der virtuellen Räume,
Image/Identität, Seriosität, Darstellung der Angebote, Akquisition
von KlientInnen, technischer Betrieb, Hardware, Software, Server,
Anbindung, Sicherheitstechnik)
Nach über
einem Jahr blicke ich auf Erfahrungen mit ca. 200 KlientInnen aus 5
Kontinenten zurück und freue mich, Ihnen erste Ergebnisse mitteilen
zu können.
Das
Internet als Praxisfeld
Kontakt
und Begegnung im Internet sind eigenen Spielregeln unterworfen. Der
Konzeption von "Screentherapy" und dem Start des Projekts unter www.screentherapy.de
ging daher eine lange Phase intensiver Recherchen voraus, die sich auf
folgende Aspekte konzentriert hat:
Kommunikationskultur
im Netz
Wie sieht
die private Kommunikationskultur im Netz aus?
E-Mails sind
das verbreitetste aber auch "konservativste" Kontaktmedium im Netz.
Die Netiquette fordert dabei, die relativ ungezwungenen, wenig förmlichen
Mails möglichst bald zu beantworten. Ein unmittelbarer Dialog findet
dabei nicht statt.
Noch indirekter
ist der Dialog über Foren oder Newsgroups, in denen jeder seine
Fragen und Antworten an ein thematisch eng umrissenes "Schwarzes Brett"
heftet ("Posting"). Meist diskutieren Experten miteinander oder helfen
"Neulingen" ("Newbies").
Wesentlich
interessanter sind Chats: mit einem Spitznamen versehen, treffen sich
Fremde oder Bekannte in einem virtuelle Raum, sprechen in der Gruppe
miteinander oder ziehen sich zu vertraulichen Dialogen zurück.
Viele Chatter lieben es, abwechselnd in verschiedene Identitäten
zu schlüpfen. Neue Leute kennenlernen, sich selbst darstellen,
flirten, einfach nur quatschen - die prinzipielle Freude an der direkten
Kommunikation und am Beziehungsaufbau sind die Hauptmotive beim Chat,
denn die Inhalte geben meist wenig her.
Normalerweise
wird in Schriftform gechattet. Zunehmend werden aber auch Kameras und
Telefontechnik (Headsets) verwendet, so daß sich die Gesprächsparter
"in Echtzeit" hören und sehen können (Videokonferenz).
Eine weitere
Besonderheit sind die sogenannten "Messenger-Systeme". Über meist
kostenlose Software (z.B. ICQ) erstellt man eine sogenannte "Buddy(Kumpel)-Liste",
aus der ersichtlich ist, wer von den Buddies gerade online zu erreichen
ist. Über private Chaträume, kurze Mitteilungen u.ä.
ist so eine unkomplizierte Online-Kommunikation zwischen "Freunden"
möglich.
Viele Web-Nutzer
organisieren sich in Communities im Sinn von Vereinen und Gemeinden.
Dort leben sie eine Art zusätzliches Leben (meist in der realen
Rolle). Es gibt virtuelle Welten, in denen jeder Teilnehmer an einem
Rollenspiel teilnimmt und über Jahre ein Parallel-Leben führt
und sich mit anderen Mitspielern zu Gruppen ("Clans" mit virtuellen
Berufen, Rollen, "Ämtern") zusammen schließt.
Im Internet
konnte ich einige Besonderheiten im Kommunikations- und Sozialverhalten
und deren vielfältige Folgen beobachten:
- Unverbindichkeit und Sprunghaftigkeit
im Vorkontakt - sobald man gelangweilt oder genervt ist, verschwindet
man einfach.
- Spielerische Freude und
Neugier in der Kommunikation mit Fremden - geschützt durch die
eigene Anonymität.
- Skepsis dem neuen Gesprächspartner
gegenüber - denn jeder kann im Schutz der Anonymität jede
Persönlichkeit vorgaukeln.
- Ablehnung kommerzieller
Angebote. Die "Verschenkkultur" des Internet gilt als Maßstab.
Groß ist die Angst vor "Abzockerei" und Schwindel. Kostenpflichtige
Angebote gibt es praktisch nur im Bereich Erotik.
Erkenntnis:
"Screentherapy" muß passende Kommunikationsmodelle für den
ersten Kontakt und die therapeutische Arbeit entwickeln, um über
das Internet glaubwürdig und attraktiv genug für den Web-User
zu sein. NutzerInnen müssen da abgeholt werden, wo sie gerade sind.
Technologie
der Online-Kommunikation
Wenn man
per E-Mail kommunizieren oder an einem Chat teilnehmen will, reicht
ein normaler Computer mit jedem beliebigen Internet-Anschluß.
Technisch
anspruchsvoller wird es, sobald das gesprochene Wort oder ein Videobild
übertragen werden sollen. Für Videokonferenzen muß eine
geeignete Kamera, ein Headset (mit Mikrofon und Kopfhörer, Kosten
50 bis 100 €) eingesetzt, sowie ein schneller Computer und möglichst
breitbandiger Internet-Zugang vorhanden sein. Etwa 5% der deutschen
Web-Nutzer verfügen derzeit über diese Ausrüstung. Die
für Videokonferenzen notwendige Software ("Netmeeting" von Microsoft,
kostenlos, im Funktionsumfang von "Internet-Explorer") findet sich auf
fast allen PCs.
Die Vielzahl
der parallelen Kommunikationsmöglichkeiten, die über Videokonferenz-Software
angeboten wird, hat mich sofort begeistert, weil hier eine Dialogform
möglich ist:
- "Telefonieren" über
Headset in Echtzeit
- sich gegenseitig per Video
sehen
- schriftlich Chatten in
Echtzeit
- gemeinsamer Nutzung einer
"Tafel" (= Whiteboard"), die beide Dialogpartner bemalen, beschreiben
oder mit Bildern "bekleben" können
- Austausch von Bilder oder
Dokumenten von Computer zu Computer.
Erkenntnis:
Gestalttherapie im Internet sollte mit einem Maximum an Interaktion
und Unmittelbarkeit arbeiten. Dazu müssen alle technologischen
Potentiale voll ausgeschöpft werden. Ich habe folglich auf Videokonferenzen
gesetzt, da hier die größtmögliche Kontaktfläche
genutzt werden kann (sehen und hören). Der Unterschied zwischen
E-Mail und Videokonferenz ist etwa so groß wie zwischen Morse-Funk
und Telefon.
Multimedia
im Internet
Neben der
Begegnung im verbalen Dialog lassen sich in der "Offline-Praxis" eine
Vielzahl an kreativen Medien einsetzen, um den therapeutischen Prozeß
zu unterstützen. Welche Möglichkeiten bietet die virtuelle
Welt?
Das Web bietet
Texte, Bilder, Musik ("MP3") und zunehmend Video ("RealVideo") als statische
Medien. Web-NutzerInnen können diese zwar auswählen und "abrufen",
aber eine echte Interaktion ist das nicht.
Zunehmend
treffen wir aber auf Medien mit echten, komplexen Interaktionsmöglichkeiten,
bei denen User Inhalte selbst erzeugen oder manipulieren können,
also z.B. mit Mal-Software herumspielen oder komplexe Spiele spielen
können. Bis vor kurzem waren solche interaktiven Multimedia-Angebote
nur offline über CD-ROMs möglich. Die Einführung eines
neuen Multimedia-Standards im Internet ("Flash" von Macromedia) eröffnet
- ohne zusätzliche Kosten - jedem Nutzer die Welt der echten Interaktion.
Etwa 40% aller Internet-Browser können bereits Flash-Objekte darstellen.
Erkenntnis:
Technologien wie Flash eröffnen "Screentherapy" eine Perspektive,
neue Methoden und Instrumente multimedialer Interaktion (MIMMIs) für
den therapeutischen Einsatz zu entwerfen und als Software realisieren
zu lassen. Der Einsatz von MIMMIs bietet neben dem Gespräch weitere
Ausdrucksformen und Zugangswege.
Rechtliche
Situation
Weder in
der Literatur noch bei den zuständigen Stellen gab (und gibt) es
Klarheit über die rechtliche Situation. Aus verschiedenen Gründen
ist es heikel, therapeutische Angebote im Web offen als solche zu bezeichnen
(z.B. Werbeverbot), überhaupt über das Netz zu therapieren
oder die eigene Arbeit gar als "Psychotherapieangebot" online zu bringen.
Erkenntnis:
Um rechtliche Probleme zu vermeiden, habe ich mich entschlossen, mein
Angebot als Studie anzulegen und eindeutig so zu kommunizieren. Auf
der Homepage meiner Website weise ich ausführlich darauf hin, daß
hier keine "Psychologische Psychotherapie" betrieben wird.
Therapeutische
Angebote
In Deutschland
fand ich kein ernst zu nehmenden Angebot für Therapie via Internet,
und selbst in den USA beschränkte sich das Angebot auf Beratung
per E-Mail.
Die Web-Sites
der Beratungsangebote waren überwiegend laienhaft gestaltet und
schienen oft seit langem nicht mehr aktualisiert worden zu sein. Eine
Transparenz des Angebots war meist nicht gegeben. Durch Honorarforderungen
im Voraus lag die Einstiegsbarriere für Klienten unrealistisch
hoch. Ein Dialog in Echtzeit, also z.B. per Chat, war nicht möglich.
Man beschränkte sich auf den Austausch von E-Mails.
Der Einsatz
von Videokonferenz und Multimedia wurde nirgends angeboten.
Nach verschiedenen
persönlichen Kontakten zu im Netz vertretenen KollegInnen verdichtete
sich mein Bild: Kostenlose "Ratgeber" per E-Mail werden gelegentlich
genutzt (in der Art "Fragen Sie Dr. Sommer"). Sobald Angebote etwas
kosten, werden sie nicht angenommen.
Erkenntnis:
Eine modellhafte "Virtuelle Praxis" muß in Form und Inhalt als
seriöser, professioneller "Dienstleister" im Netz auftreten. Die
Site muß erkennbar aktuell sein und schnell auf Anfragen reagieren.
Sie muß über ein transparentes Angebot verfügen, Zusatzinformationen
zu Qualifikation, Zielen und Hintergrund anbieten. Im Internet kann
man nur glaubwürdig sein, wenn man über eine Marke (Branding)
von wachsender Bekanntheit und Reputation verfügt. Der Web-User
muß den Anbieter erkennen und ihm bestimmte Eigenschaften zuordnen.
Datenschutzrechtliche Bestimmungen müssen erfüllt werden (wobei
die tatsächlichen User darauf meiner Erfahrung nach keinen Wert
legen)
Ich denke,
daß jede/r AnbieterIn zumindest Vorleistungen (z.B. "Probe-Sitzung
kostenlos", "Offene Sprechstunde" zu festen Zeiten) erbringen muß,
wenn er/sie die Web-User überzeugen will.
Ich haben mich entschlossen,
auf Bezahlung zu verzichten, weil ich in erster Linie erst einmal Daten
bzw. Erfahrungen sammeln und Methoden entwickeln und ausprobieren möchte
- und dazu bin ich auf Besucher angewiesen.
Die
Methode
"Screentherapy"
wird also als kostenlose Studie angelegt. Ihr Inhalt: phänomenologisches
Erforschen und reflektiertes Erleben der Webkultur, der Kontaktmöglichkeiten
im Internet und das Erforschen und Entwickeln therapierelevanter Methoden
(MIMMIs).
Ich betrat
absolutes Neuland, und es erschien mir unsinnig, der Studie ein rigides
Untersuchungsdesign aufzuerlegen: Ich wollte flexibel auf die Situationen
und Erfahrungen eingehen, mit möglichst vielen Menschen in Kontakt
kommen, niedrigschwellig arbeiten, Probleme zulassen und praktikable
Lösungen finden. Ich beschloß, mich von den Erfahrungen leiten
zu lassen und meine Erfahrungen fortlaufend zu dokumentieren.
Alle Begegnungen
sind life und persönlich, ich verwende keinerlei automatisierte
Programme oder vorgefertigte Antworten.
Grundsätzlich
orientiere ich mich am maximal einsetzbaren technischen Standard, das
heißt, ich versuche, das technische Potential (in den mir gegebenen
Möglichkeiten) so weit wie möglich im Hinblick auf "Zugangskanäle"
und Ausdrucksmöglichkeiten auszuschöpfen.
Die
Praxisausstattung
Um mit Multimedia-Werkzeugen
und Videokonferenz arbeiten zu können, habe ich meinen Computer
entsprechend aufgerüstet, Kamera und Headset installiert, sowie
eine Vielzahl von speziellen Programmen eingerichtet, um mit Web-Usern
aus aller Welt optimal kommunizieren zu können.
Das Thema
"Branding" habe ich sehr ernst genommen: ein unverwechselbarer Name
mußte gefunden und als Marke geschützt werden. Ein Logo wurde
gestaltet. Der Domainname "Screentherapy" wurde in Deutschland und weltweit
angemeldet, auch in anderen Schreibweisen.
In enger
Zusammenarbeit mit mehreren Multimedia- und Internet-Experten wurde
die Website konzipiert: die Struktur der Seiten, die Anmutung, die Inhalte,
die Navigation - alles mußte stimmen. Dann erfolgte die Programmierung
der einzelnen Seiten auf höchstem professionellen Niveau. Die Site
kommt bei den Web-Usern hervorragend an und ist inzwischen in jeder
Suchmaschine zu finden.
Erste
Phase - die Interviews über Videokonferenz
Am Anfang
von "Screentherapy" wollte ich über einen Interviewleitfaden mit
Videokonferenz-Usern in ausführlichere Gespräche einsteigen.
Ich machte mein Kontaktangebot auf dem am meisten genutzten deutschen
Videokonferenz-Server, vergleichbar mit Chat-Servern: Nach Einwahl auf
diesem Server werde ich als "online" im Verzeichnis mit der Eintragung
"Interview-Studie 'Screentherapy'" geführt. Jeder, der ebenfalls
über den Server angemeldet ist, kann mich nun "anrufen".
Es meldeten
sich immer etliche Neugierige, und viele ließen sich auf meine
Fragen und das folgende Gespräch (15 - 60 Minuten) ein.
Bsp.:
Mein netmeeting-Anschluß klingelt, "Axel T, nett" klopft an.
Ich drücke den Annahme-Button und sehe in meinem Videobild
Teile einer Tastatur, eine grüne Schreibtischlampe, eine halbvolle
Zigarettenschachtel und verschwommen die gemusterte Tapete an der
Wand. Ein Räuspern im Kopfhörer, ein neues Fenster im
Bildschirm öffnet sich und "Axel T, nett", schreibt: Hallo,
was machst Du für eine Studie?
Nach
den ersten Erklärungen und Hinweisen auf meine Homepage, die
sich in der Regel niemand vorher anschaut, obwohl ich sie immer
angebe, kommen wir zur ersten Hürde: Ich bestehe darauf, sein
Gesicht zu sehen.
Manche
legen hier wieder auf. In seinem Fall schwenkt die Kamera langsam
vom behaarten Unterarm weg auf ein bebrilltes Männergesicht
mittleren Alters, der grüßend in die Kamera nickt. Er
steckt sich eine Zigarette an, lehnt sich im Bürostuhl zurück
und sagt: "Na, dann legen Sie mal los..."
Durch diese
Interviews erhielt ich wichtige Erkenntnisse über Nutzungskultur/Kommunikationskultur
im Internet, speziell lernte ich viel über die Besonderheiten der
Video-Chats: So sind in der Regel die User unter anonymen "nicknames"
unterwegs, und nicht jeder, der eine Kamera hat, benutzt sie auch. Viele
User klagen in diesem Zusammenhang über "fakes", also z.B. Männer,
die sich als Frauen ausgeben; daher legen viele sofort wieder auf, wenn
sie kein Bild empfangen (was aber manchmal auch aus technischen Gründen
vorkommt).
Besonders
interessant war die Erfahrung, daß fast alle Gesprächspartner
im Video-Chat mir gegenüber zuerst sehr skeptisch und extrem vorsichtig
waren ("Da muß ein Trick dahinter stecken."). Auch traf ich auf
viele Ressentiments gegen Psychotherapie ("Ich habe keine Macke...").
Ließen sie sich dann doch auf das Gespräch ein, sprachen
viele sehr offen über intimste Angelegenheiten und zum Teil über
sie sehr belastende Probleme. Sehr häufig tauchten die Themen Einsamkeit,
Scham, heftige Minderwertigkeits- und Versagensgefühle oder Beziehungsprobleme
auf.
Insbesondere
in dieser Phase hatte ich überwiegend männliche Gesprächspartner,
die auf der Suche nach sexuellen Erlebnissen im Internet waren. Es sei
hier nicht verschwiegen, daß es bisher in Deutschland keinen einzigen
Videokonferenz-Server gibt, der sich ausschließlich als ein Forum
für "clean Chat" versteht, die "virtuelle Praxis" befindet sich
also sozusagen "mitten im Rotlichtmilieu".
Auf diesen
Kontext reagiere ich sehr bewußt mit klaren Grenzen: Ich sieze
z.B. alle meine Gesprächspartner, um den (psychologisch) professionellen
Charakter unserer Begegnung auf diese Weise ständig präsent
zu halten (Im privat genutzten Internet ist es absolut ungewöhnlich,
jemanden zu siezen!) Die Bereitschaft, auf mein Siezen einzugehen, erwies
sich als guter Indikator dafür, wie ernsthaft jemand an einem Gespräch
mit mir interessiert war.
Ich informiere
alle Interessierten über Sinn und Zweck des Interviews und weise
auf meine Web-Site hin. Meine Interviewpartner können mir gegenüber
anonym auftreten, aber ich bestehe darauf, ihr Gesicht zu sehen - was
"Fakes" sofort zum Auflegen bringt.
Aus derartigen
Interviews entwickelten sich oft Gespräche mit therapeutischem
Charakter, die von den Männern häufig als "ungewohnt angenehm"
empfunden wurden. Manche Interviewpartner baten um die Fortsetzung des
Dialogs. So entstanden die ersten Sitzungsserien.
Zweite
Phase - therapeutisches Angebot zum Thema "Stress"
Als nächstes
unterbreitete ich ein niedrigschwelliges Therapieangebot zur "Stress-Bewältigung".
Der Begriff "Stress" - so hatte ich in den Interviews erfahren - wurde
von meinen Gesprächspartnern als Synonym für alle möglichen
psychischen Probleme akzeptiert. In bis zu fünf kostenlosen Online-Sitzungen
zu je einer Stunde biete ich an, mein Gegenüber bei der Bewältigung
von Streß im Job, in der Beziehung, in der Familie oder "ganz
allgemein" zu unterstützen, wie ihn jeder "gesunde" Mensch erlebt.
Dieses Angebot
wird mehr und mehr nachgefragt, das Spektrum der genannten Themen reichte
dabei bisher von akuter Suizidalität und Psychoseerkrankung bis
zu Liebeskummer und Problemen mit der besonderen Lebensituation, die
Deutsche im Ausland erleben.
Bei entsprechender Indikation
bemühe ich mich darum, mein Gegenüber entsprechend zu verweisen
bzw. ihn oder sie zu unterstützen, einen geeigneten Ort für
eine längerfristige Behandlung zu finden.
In diesem Rahmen ist es mir
nun möglich, explizit therapeutisch zu arbeiten und zu experimentieren.
Therapeutisches
Angebot für Deutsche im Ausland
Mit der Zeit
meldeten sich vermehrt Deutsche bei mir, die im Ausland leben und dringend
nach einer Möglichkeit suchten, in ihrer Muttersprache über
ihre Probleme zu sprechen. Daraus entwickelte sich schon bald eine spezielles
Angebot innerhalb von "Screentherapy", das zunehmend unter Auslandsdeutschen
weiter empfohlen und nachgefragt wird. Bisher habe ich Klienten aus
fünf Kontinenten betreut.
Aufgrund der mitunter mangelhaften
technischen Ausstattung - gerade in der Dritten Welt - arbeite ich gelegentlich
ohne Bild ausschließlich über Chat. Minimalstandard ist jedoch
immer ein in Echtzeit stattfindender Dialog. Auch betreue ich Auslandsklienten
bei Bedarf über mehr als die üblichen fünf Sitzungen
hinaus.
Entwicklung
der interaktiven Multimedia Methoden (MIMMIs)
Parallel zum "laufenden Betrieb"
beschäftige ich mich mit der Konzeption und Realisierung von Methoden
und Instrumenten zur Multimedialen Interaktion.
Mein Ziel ist es, Methoden
und Instrumente zu entwickeln, die leicht zu handhaben sind und kreativ
gestaltet werden können. Sie sollen durch Vorgaben zum Handeln
inspirieren, aber idealerweise auch zum Experimentieren anregen. MIMMIs
sollen sich verändern, umbauen oder auch zerstören lassen,
um dem eigenen Selbstausdruck einen möglichst weiten Raum zu geben.
Entscheidend dabei ist, daß
ich auch sehen und hören kann, wie mein Gegenüber mit
diesen Mitteln umgeht, somit wird mir zumindest zum Teil "die Analyse
der inneren Struktur aktueller Erfahrung und ihres wie auch immer beschaffenen
Kontakts" zugänglich, und darin besteht nach Perls "Therapie"
(Perls, Hefferline, Goodman 1951)
Bisher habe
ich drei konkrete methodische Konzepte formuliert und sie von Multimedia-Designern
und Programmierern realisieren lassen. Alle drei "Werkzeuge" setze ich
in meinen Online-Sitzungen ein:
- "Dialog-Landscapes"
sind großflächige Kollagen zu verschiedenen Schwerpunkt-Themen.
Sie sind so groß, daß sie nicht auf einmal angeschaut
werden können. Man kann herumwandern, sich anregen lassen, sich
heraussuchen, was einem auffällt, dabei bleiben, damit weiterarbeiten.
Bsp.:
Ein Mann mit Angsattacken auf Autobahnbrücken sieht eine
"Leiter", die anscheinend ins Leere fühlt. Sie erinnert ihn
an seine Angst, dieses Alleinsein, diese Leere, das Nichts. Er "schneidet"
den Ausschnitt aus dem Bild heraus, überträgt ihn auf
eine "Tafel" ("Whiteboard") und überlegt, was diese Leere füllen
könnte...
- "Resonance-Movies"
sind Animationen, die der User betrachten und interaktiv beeinflussen
kann. Vor seinem Auge erscheinen Schlüsselwörter und Symbole,
die sich als mehrere, voneinander unabhängig durchlaufenden Filmschleifen
langsam verändern und in ihrer Kombination immer neue Resonanzen
anregen. Er kann die Position der "Wörter-Filme" mit der Maus
ändern, einzelne Filme anhalten und wieder starten. Je nach Verlauf
einer Sitzung habe ich die Möglichkeit, für die nächste
Sitzung neue Resonance-Movies mit neuen, individuell passenden Schlüsselworten,
vorzubereiten.
Bsp.:
Ein Student meint, es gehe ihm prima, alles im grünen Bereich,
er schaue nur aus Neugier mal vorbei. Er betrachtet den Film und
meint, für Leute seines Alters sei nichts dabei, das sei eher
was für Ältere, es sei ihm aber aufgefallen, daß
es um Hoffnungen gehe, da habe man natürlich auch welche. Im
Verlauf unseres sich daraus entspinnenden Dialogs wird ihm deutlich,
wie sehr er sich nach einer Beziehung sehnt und nach einer klaren
beruflichen Perspektive...
ist eine
spezielle Art, in Netmeeting das Whiteboard einzusetzen. Der Klient
bekommt ein "Panel" mit einigen Symbolen, abstrakten Strichen und
Begriffen vorgelegt. Diese einzelnen Elemente ergeben keinen eindeutigen
"Sinn". Sie sind vielmehr wie Kristallisationspunkte, um die herum
sich der Dialog als Gespräch und als Skizze aus Zeichnung und
Kommentartext entwickelt. Wir sprechen über die Elemente auf
dem Whiteboard, verändern oder verschieben sie, können interaktiv
übermalen, kommentieren, ergänzen -und auch einiges wieder
löschen - ein Bildschirm ist noch geduldiger als Papier...
Der Prozess
des "Mind Boarding" kann sich über mehrere Sitzungen erstrecken.
Der
laufende Betrieb
Glaubwürdigkeit
im Internet muß man sich erarbeiten. Das heißt vor allem:
Regelmäßig Präsenz zeigen und absolut zuverlässig
sein.
Einmal pro
Woche biete ich eine "Offene Sprechstunde" an. Jede Woche wird die Web-Site
von "Screentherapy" aktualisiert und sogar ein Tagebuch dieser Aktualisierungen
veröffentlicht. So beweise ich Kontinuität und Zuverlässigkeit.
Eine dynamisch
generierte Grafik auf der Homepage zeigt an, daß ich online bin.
Man kann dann unmittelbar mit mir in Kontakt treten: mich über
Netmeeting anrufen, mich über die weltweite Community "ICQ" ansprechen
oder mir ein Email schicken, das innerhalb von Minuten beantwortet wird.
Jeder kann
sehen: "Screentherapy" "lebt" und wird von einer realen Person professionell
durchgeführt.
Ganz wichtig
ist die Reaktionsgeschwindigkeit: E-Mails beantworte ich fast immer
am gleichen Tag. Online-Termine verabrede ich am Ende der Sitzung, bestätige
per E-Mail und halte sie dann pünktlich ein.
Ausblick
Internet
und Multimedia bieten grandiose Möglichkeiten und große Herausforderungen
für GestalttherapeutInnen. Die Arbeit in diesem neuen Feld ist
sehr spannend - allerdings auch sehr aufwendig, in technischer, zeitlicher
und finanzieller Hinsicht.
Nach fast
zwei Jahren intensiver Beschäftigung und einem Jahr Praxis mit
über 200 KlientInnen werden Strukturen und konkrete therapeutische
Möglichkeiten deutlich. In den Online-Begegnungen erlebe ich, daß
etwas passiert, daß ein Funke überspringt, daß Kontakt
entsteht und daß - da bin ich inzwischen sicher - erfolgreiche
Therapie möglich ist.
Ich freue mich auf eine anregende
Diskussion!
Besuchen Sie mich
im Internet unter www.screentherapy.de
, schreiben Sie mir unter lindauer@screentherapy.de
oder über das IGG.
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